Höheres und Niederes

Wenn du das Höhere vom Niedern völlig trennst,
Nur jenes wahres Seyn, dis nichtge Täuschung nennst,

So wird, emporgerückt, dir jenes fern erblassen,
und dies, herabgedrückt, dir scheinen gottverlassen:

Du wirst, was dich umgibt, als zu gering verachten,
Als unerreichbar doch das, was dir fehlt, betrachten.

Dann macht die Wirklichkeit, wie du sie mögest schelten,
Ihr Recht auf dein Gefühl nur um so derber gelten;

Und jenes Ideal, wie hoch dus mögest preisen,
Wird als ein Schattenbild unwirksam sich erweisen.

So wird das eine dir durchs andere zunichte,
Und deinem Bilde fehlts am Schatten wie am Lichte.

Drum rath ich dir, so ganz die zwei nicht zu entzwein;
Erspriesslich ist dir nur von beiden der Verein.

Du siehst, wie jeder Baum zu Spriessen haben muss
Den Wipfel frei im Raum im Boden fest den Fuss.

Was du im Himmel schaust, das bring zur Erd heran;
Und was im Grund du baust, lass streben himmelan.

Du magst an einer Frucht wol Kern und Schale trennen,
Doch jeder musst du Kern und Schale zuerkennen.

Heil dir, wenn sich der Kern dir zum Genusse beut!
Doch ists kein Schade, wenn dich auch die Schal erfreut.

(Friedrich Rückert)