08.06.2005 Heilung durch Aufmerksamkeitssteuerung
Was wirkt eigentlich in Therapie? Manchmal wundert man sich, dass man eigentlich gar nichts besonderes in Therapie macht und trotzdem Weiterentwicklung spürt. Oft auch außerhalb von Therapie, aber angeregt durch diese.
Oft ist es einfach eine Aufmerksamkeitssteuerung. Durch das Gespräch oder Handlungen gelangen bestimmte Themen in den Vordergrund. Und so nehme ich Dinge wahr, die ich vielleicht früher noch nie wahrgenommen habe. Da fragt z.B. ein Therapeut "Wie oft am Tag spüren sie diese Angst?". "So genau hab ich das noch nie beobachtet." antwortet man vielleicht. Und obwohl jetzt nichts weiter passiert, wird durch die Frage dieses Thema in den Vordergrund geholt und man achtet nun auf diesen Aspekt. Dann fallen einem die Tage danach Dinge auf, die einem zuvor so nicht klar waren.
Wenn man anfängt Tagebuch zu schreiben, treten ebenso viele Dinge in den Vordergrund, Dinge über die man sich im Tagebuch seine Gedanken macht. Oder man macht am Tag eine Erfahrung und denkt - das ist etwas wichtiges für's Tagebuch. Etwas, was ich erfahre, bekommt so mehr Bedeutung, wird nochmal durchdacht, durchlebt, durchgearbeitet in dem Akt der Auseinandersetzung mit einem Tagebucheintrag.
In Heiligenfeld waren es oft Schlüsselwörter, die mir begegneten, die die Aufmerksamkeit steuerten. Wörter oder Sätze, die ich im normalen Alltag nicht hörte. "Spannungsfeld", "Einfach wahrnehmen", "spüren", "Lass es zu", "Geh da ein Stück hinein.", "berührt sein". Und wenn ich das nächste mal in mir eine Unzufriedenheit spürte, kam mir sofort "Spannungsfeld" in den Sinn. Das Wort "Spannungsfeld" sorgte dafür, dass ich in mir etwas wahrnahm. Und diese Wahrnehmung war die Basis, damit sich mein Konflikt an diesem Punkt entwickeln konnte, z.B. durch "Lass es zu..." oder "Geh da ein Stück hinein..", so wie ich auch das zuvor so hörte und erlebte.
Manchmal denke ich, man könnte lediglich dadurch, dass man bestimmten Dingen die Aufmerksamkeit gibt, fast alles heilen. Einfach nur die richtigen Dinge wahrnehmen und der eigene Organismus, die Selbstheilungskräfte, die Selbstaktualisierung oder was auch immer ist in der Lage, Antworten zu finden, die heilen.
Wenn in Gruppen zu Anfang gefragt wird, was man so erlebt hat, dann ist auch das ein Aufmerksamkeitstrigger. Wenn man danach durch das Leben geht, denkt man vielleicht manchmal "Das wäre was, was ich das nächste mal in der Gruppe erzählen könnte." Das funktioniert ungefähr genauso, wie wenn jemand mir sagt: "Wenn du mal von jemanden hörst, der eine Wohnung zu vermieten hat, denk mal an mich."
Sogesehen schafft schon nur der Raum, den man zur Verfügung stellt, um z.B. über alles reden zu können, eine Anregung, etwas auftauchen zu lassen. Und damit kommt es in den Aufmerksamkeitsbereich. Das reden über etwas bringt viele Aspekte zu tage, die vielleicht noch unklar oder unerlöst sind. Und diese Spannungsfelder, die so an die Oberfläche kommen, neigen dazu, sich vollenden zu wollen, gelöst zu werden. "Es arbeitet in dir weiter." hat man in Heiligenfeld oft gesagt.
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