08.06.2005 Was ist das Gesunde im anderen?

Die Berufskrankheit eines manchen Analytikers ist, dass er bei jedem Menschen ein neurotisches Bündel vor sich sieht. Die Sicht ist geschult auf Neurotisches, auf Krankes und Gekränktes, auf Abnormes, Gequältes und Deformiertes.

Und nicht nur manchem Analytiker geht das so. Auch Menschen, die auf unterschiedlichste Weise mit analytisch therapeutischem Denken in Berührung gekommen sind. Das kann durch Selbsterfahrungsgruppen, Einzel- oder Gruppentherapie sein oder durch Studium von diversen Büchern und Zeitschriften.

Ich kenne Zeiten, wo ich dachte: Oh Gott, wie krank bin ich. Ich bestehe ja nur aus Neurosen. Manchmal ging mir das auch in Heiligenfeld so, wenn eine heftige Gruppensitzung wieder so einiges Unerlöstes zentral in die Aufmerksamkeit brachte. Wie gut tat mir dann ein Ausspruch wie dieser: "So schlimm kanns ja mit dir auch nicht sein, immerhin bist du bis heute halbwegs durchs Leben gekommen."

Ja, Heiligenfeld hat auch oft genau darauf geachtet, eben die guten und gesunden Seiten zu sehen. Und das finde ich eine gute Orientierung.

Ich erlebe es häufiger mal, dass mir bei jemand gegenüber eher die Neurosen auffallen, das Unerlöste, das Kranke. Deshalb bin ich jetzt auf den Einfall gekommen, mich ganz bewusst darin zu schulen: Ich möchte das wahrnehmen, was bei meinem Gegenüber das Gesunde ist, wo die Seele durchscheint, wo das Göttliche und das Heile seinen Ausdruck findet. Was schimmert durch, an Wesentlichem und Echtem.

Ich glaube, genau dadurch kann ich dem Gegenüber wirklich begegnen. Begegnen kann sich ja eigentlich nur, was der gemeinsame Grund ist, den ich und du miteinander teilen. Gut, man kann sich auch Neurosen miteinander teilen, das was aber eigentlich wirklich wahr ist, was eine wirkliche gemeinsame Basis hat, sind die heilen Bereiche. Das was meine Person übersteigt, der gemeinsame Grund, der gemeinsame Stoff, aus dem wir sind, das Transpersonale, das Göttliche, was durch uns hindurchscheint. Wenn sich das berührt, und das kann einfach und banal sein, dann tritt eine wahre Verbundenheit zu Tage.

Beim Tanzen ist es wie der gemeinsame Rhythmus den wir spüren und auf den wir resonieren. In der Tiefe wird etwas angeregt, was sich bei jedem zwar anders ausdrückt, was wir aber erkennen können. Wir erkennen, dass es der gleiche Ursprung ist, woher die Bewegung erregt wird. Und das schafft Verbundenheit.

Auf das Gute anstatt auf das Kranke zu schauen, ist wie Gabrielle Roth es gern beim tanzen macht: Viele Menschen, die auf der Tanzfläche sind, sollen sich schnell durch den Raum bewegen. Anstatt sich darüber zu ärgern, dass so wenig Platz ist, sucht man nach dem Raum zwischen den Menschen. Der freie Raum zwischen den Menschen, darauf liegt die Konzentration. Auf das, was an Freiheit da ist, anstatt auf das, was einen behindert oder behindern könnte.

Ich glaube, es kann eine unglaublich wohltuende Lebenseinstellung sein, sich beim Kontakt mit anderen Menschen, auf das Heile zu konzentrieren. Wo kann ich die Seele des anderen erspüren? Und dies darf natürlich nicht zu einem krampfhaften "Wo ist das Gute." mutieren, sondern muss frei bleiben.


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