01.01.2005 Bewegungsfreiraum

Wieviel Bewegungsfreiraum gönne ich mir? Muss immer alles genau nach Plan laufen? Ärgere ich mich, wenn Dinge nicht genau so gelingen, wie ich es mir vorstelle? Darf ich Fehler machen oder verurteile ich mich sofort dafür? Reagiere ich heftig, wenn andere nicht genau das tun, was ich möchte?

Diese Fragen drängen sich gerade in mein Leben. Ich merke, dass ich in manchen Dingen zu eng bin. Beruflich arbeite ich gerade häufiger mit anderen zusammen und bin dann auf Ergebnisse von anderen angewiesen. Manchmal habe ich das Gefühl, ich nehme es zu genau, müsste toleranter sein. Vieles ist nicht so wichtig, nicht so ernst, wie ich es nehme. Mehr Freiraum würde mir und dem anderen gut tun. Zu viel Enge führt zu einem Arbeitsklima, wo sich keiner mehr wohl fühlt, wo alles zu wichtig wird. Und das führt im Extremen zu Zwanghaftigkeit.

Auch im privaten Bereich begegnet mir das Thema im Moment, wo es auch die Zusammenarbeit mit anderen betrifft.

Ich hab dafür ein Bild. Ein Schiff folgt einer Route, weil es irgendwo hin will. Die Frage ist jetzt, wie stark und schnell ich reagiere, wenn das Schiff mal ein wenig von der Route abkommt. Lasse ich große Toleranzen zu, wird man vielleicht nicht so schnell ans Ziel kommen, aber mehr Freiraum und Spaß haben. Alles ist nicht so wichtig, nicht so ernst. Oder ist jede kleinste Abweichung wie ein halber Weltuntergang und alles muss in Bewegung gesetzt werden, um sofort wieder auf den richtigen Kurs zu kommen.

Ich merke, es ist wichtig für mich, Dinge weniger ernst zu nehmen, mir mehr Freiraum zu gönnen. Schlußendlich weiß ich ja auch gar nicht, ob das gesteckte Ziel überhaupt präzise und richtig ist. Ich merke, mir tut so ein ernstes und akkurates Umfeld nicht gut. Dazu neige ich eh schon von ganz alleine.

Keinen Spielraum zu lassen hat auch etwas mit Angst zu tun. Also kein Vertrauen darin zu haben, dass die Dinge gut werden, wenn ich nicht permanent beim kleinsten Abweichen schon einschreite. Angst zu haben, Ablehnung zu erfahren, wenn nicht alles akkurat ist. Angst, das totales Chaos ausbricht, wenn nicht alles geregelt und festgezurrt ist.

Dieser Aspekt wird mir jetzt ganz deutlich, dass oft Angst dahinter steckt und das Bedürfnis, kontrollieren zu können, wenn man die Dinge, die entstehen, nicht dasein lassen kann, wenn man immer sofort irgendwie einschreiten muss. Vielleicht auch Erfahrungen, dass man ohnmächtig wurde, als man sich nicht rechtzeitig genug darum gekümmert hat, die Dinge in rechte Bahnen zu lenken.

Ich wache immer mal wieder von einem Alptraum auf, der mich schon viele Jahre begleitet. Es ist die bedrohliche Situation, dass ich in der Schule jahrelang in bestimmten Fächern fast nichts gemacht hatte und nun die Abschlußprüfung nahte. Jetzt erkannte ich den Wahnsinn und die völlige Ausweglosigkeit. Ich wusste nicht, wie ich das noch irgendwie zur Abschlußprüfung nachholen könnte. Interessanterweise begegnete ich 5 Jahre später einer ganz ähnlichen Situation. Ich habs trotzdem geschafft, wenn auch durch viele glückliche Umstände. Trotzdem hat mich die Angst in diese Richtung nie richtig losgelassen, was die Alpträume ja zeigen.

Egal, ob im Umgang mit mir selbst oder in Gemeinschaft mit anderen Menschen - man muss den richtigen Weg finden, wieviel Freiraum und wieviel Struktur gut ist. Was soll man wichtig und ernst nehmen und wo sollte man tolerant sein und loslassen? Wo weiß man, dass man eigentlich loslassen sollte, es aber doch irgendwie nicht kann? Wo lässt man es laufen, obwohl es wichtig wäre, Verantwortung zu übernehmen?

Auch das begegnet mir nämlich: Ich weiß, dass bestimmte Dinge oder Entwicklungen nicht gut sind, fühle mich aber in der Rolle des Kritikers nicht wohl. Das geht mir besonders dann so, wenn ich etwas verteidigen muss, was ziemlich weit ab von gewöhnlichen gesellschaftlichen Bewertungen ist.

Alles zu genau zu nehmen, kostet viel Kraft, verbraucht viel Energie. Wenn man in Gemeinschaft zu früh schon Verantwortung für vermeintliche Fehlentwicklungen übernimmt und diese selber regeln will, gibt man dem anderen überhaupt keine Chance, selber zu erfahren und zu lernen. Manchmal muss man gemeinschaftlich erstmal einen Fehlschritt tun, um gemeinschaftlich zu lernen. Und manchmal ist es dann auch tatsächlich so, dass der vermeintliche Fehlschritt doch ein guter und richtiger, wenn auch beängstigender Schritt war. Nur wenn Menschen sich in Gemeinschaft diesen Spielraum lassen, Dinge auszuprobieren, kann die Gemeinschaft auch lernen und wachsen. Wenn immer nur einer kontrolliert, entstehen keine Situationen, wo man gemeinsam lernen kann.

Dieser Spielraum, Dinge tun zu können, auch wenn sie erstmal nicht sinnvoll erscheinen, ist die wichtigste Voraussetzung für's Lernen. Lernen bedeutet oft, einen Schritt zu machen, wovon man noch gar nicht weiß, ob er Sinn macht. Manche sind so in einem starren Gedankengebäude so gefangen, dass jede Bewegung nur im Einklang mit diesem Regelwerk ausgeführt werden kann. Es gibt aber auf dieser Welt nichts, was irgendwie starr wäre, alles ist in Veränderung und so müssen auch Ideen und Vorstellungen immer wieder angepasst werden. Und dazu gehört es, Dummes oder Widersinniges oder Unlogisches zu tun.

Man selber oder eine Gruppe braucht also immer einen Freiraum für Zufallsanregung. Wenn man nicht alles sofort regelt, entsteht so eine Anregung von ganz alleine. Und in der Gruppe werden dann auch andere Menschen kommen, und es regeln. Man macht die Erfahrung, dass die Gruppe sich regulieren kann, auch wenn man selber loslässt. Wenn eine Gruppe gut miteinander kommuniziert, werden Spannungsfelder ans Licht kommen.

Ich glaube, es gibt viele Menschen, die aus Angst vor Fehlschritten oder unangenehmen Konsequenzen eng und starr geworden sind. Meist leidet darunter die Kreativität, das unbeschwerte Tun und Handeln, der Humor, die Lust, die Freude am Leben. Und das führt dann wieder zu Frustration, Resignation.

Deutschland ist ja besonders dafür bekannt, so eng und starr zu sein. Ich kann sicherlich auch die Vorteile sehen. Und trotzdem beneide ich manchmal die Italiener oder Afrikaner, mit ihrer unbeschwerten leichten Art, dem Leben zu begegnen.


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