01.01.2005 Eingebettet in heilsame Arbeitsstrukturen

Manche werden vielleicht lachen, wenn ich eine Vorstellung entwickle, dass Arbeit in einem heilsamen Rahmen abläuft. Zu oft ist es einfach der Fall, dass ein Arbeitsumfeld nicht getragen ist von gemeinsamen Vorstellungen. Man muss kämpfen, um dort überhaupt zu überleben.

Und seine Vorstellungen und Ideen einzubringen? Das macht man die ersten 2 Jahre, bis man so frustriert von Fehlschlägen und Zurückweisungen ist, dass man in die kollektive Resignation einstimmt. Was ich wirklich denke, fühle, welche Ideen und Anregungen ich habe, dass interessiert hier keinen. Funktionieren soll ich und das machen, was man mir aufträgt, mehr nicht.

So ist es oft. Im Gegenzug, als Entschädigung sozusagen, suchen sich dann viele jeden möglichen Freiraum, um egozentrierten Bedürfnissen nachzustreben. Innerlich verbindet einen nichts mit dem Arbeitsumfeld. Ich sahne ab, wo es geht, schaue, wo ich Vorteile für mich herausschlagen kann. Menschen finden nicht wirklich zusammen, sondern nehmen sich gegenseitig aus.

Es kann aber auch ganz anders gehen. Es gibt bessere Wege. Die meisten wissen eigentlich, woran es krankt, nur gibt es niemanden, der das wirklich ändern wollte. Alle hängen irgendwie zu sehr an diesem System. Keiner, der den Mut hat, es grundsätzlich anders zu machen.

In Heiligenfeld habe ich etwas erlebt, was gänzlich anders war. Das war für mich etwas Faszinierendes, dass dort die Mitarbeiter auf irgendeiner Weise miteinander verbunden waren. In den letzten Monaten habe ich einiges darüber lesen können, welche Ideen und Grundsätze dahinter stehen. Joachim Galuska (Klinikleitung) hat hierüber ein Buch veröffentlicht: "Pioniere für einen neuen Geist in Beruf und Business. Die spirituelle Dimension im wirtschaftlichen Handeln".

In vielen Organisationen fehlt etwas Verbindendes, eine gemeinsame Idee, der alle mit ganzem Herzen folgen können. Und es muss eine Idee sein, die jenseits der konkreten Arbeit angesiedelt ist, es muss um ganz grundsätzliche Werte gehen. Werte, die meine Lebenswerte sind, nach denen ich mein Leben ausrichte. Diese gemeinsame Basis trägt die Gemeinschaft, in der man arbeitet. Dafür gibt es den wunderbaren Begriff Wertegemeinschaft.

Im beruflichen Umfeld eine Wertegemeinschaft zu bilden, ist schon ein starkes Stück! Dazu gehört viel Mut. Viele sind der Ansicht, dass man wirtschaftlich nur überleben kann, wenn man viele Werte vergisst. Und selbst dann ist es noch schwer genug. Wenn wir jetzt noch auf Werte achten oder gar die ins Zentrum unseres Handelns bringen, wie soll da noch was Konkurenzfähiges herauskommen.

In der Tat scheint das eine wirklich schwere Aufgabe zu sein: Ein Unternehmen, was gemeinsame Werte in den Mittelpunkt rückt, in einer Welt lebensfähig zu halten, die gewöhnlich nicht so strukturiert ist. Unternehmen, die ausbeuten und dadurch Vorteile haben, gegenüber denen, die diese Form nicht akzeptieren können. Man muss ganz klar und unromantisch erkennen, dass man günstiger produzieren kann, wenn man Menschen oder Natur ausbeutet. In einer Welt, wo dies akzeptiert wird, ist es schwer, wirtschaftliche Wertegemeinschaften zu etablieren. Zumal es für diese kaum Unterstützung und Wertschätzung gibt.

Einen großen Vorteil hat jedoch eine Wertegemeinschaft. Sie arbeitet gemeinsam an einer Sache, jeder stellt in einer viel intensiveren Form seine Schaffenskraft in den Dienst der gemeinsamen Sache. Wertegemeinschaften tendieren nicht so stark zu Egozentrik und Spaltung zwischen den Menschen. Es gibt einen größeren Zusammenhalt, mehr Solidarität, mehr Motivation aus Sinnhaftigkeit, mehr Wille, sich für diese gute Sache einzubringen, höhere Qualität der Arbeit.

Und es gibt mehr Offenheit und damit auch mehr Vertrauen und Getragensein. In eine Gemeinschaft Gleichgesinnter eingebunden zu sein, in der man sinnerfüllt wirken kann, ist etwas ganz besonderes und zugleich zutiefst Heilsames. Persönliche Entwicklung und Entwicklung der Wertegemeinschaft sind eins. In herkömmlichen Strukturen sind es eher Gegensätze: Diese Strukturen machen krank, weil sie einem abverlangen, wahre Gefühle, Impulse und Gedanken zu unterdrücken oder zu verheimlichen und stattdessen anderes zu kommunizieren. Wenn man sich in Heiligenfeld umschaut, dann erkennt man, dass es viele Menschen gibt, die durch solche Strukturen kränker geworden sind.

Wertegemeinschaften haben also auch wirtschaftlich günstige Faktoren: Höhere Motivation, mehr Verbundenheit mit der Sache, bessere Zusammenarbeit, weniger Intrigen, höhere Qualität. Das ist auch in etwa das, was ich in Heiligenfeld spüren konnte. Es gab immer Situationen, in denen ich den Unterschied zu gewöhnlichen Unternehmen wahrnahm. Das heißt natürlich nicht, dass Heiligenfeld eine perfekte Umsetzung solcher Ideen wäre. Es ist ein Versuch, einer besseren Idee zu folgen, mit all den Schwierigkeiten, die damit verbunden sind.

Reichen die Vorteile von Wertegemeinschaften, um die egozentrierten Vorteile herkömmlicher Strukturen aufzufangen, denen man ja nicht folgen kann? In Heiligenfeld zeigt sich, dass es zumindest nicht einfach ist. Soweit ich weiß, müssen alle sehr engagiert mitarbeiten, damit dieses Experiment glückt. Ein hohes Maß an Leistungsbereitschaft ist etwas ganz wesentliches, um Konkurenzfähig zu bleiben. Im Gegenzug gibt es Modelle und Strukturen, die Mitarbeiter wieder entlasten, z.B. für mehrere Monate frei zu haben.

Wer in guten Wertegemeinschaften arbeiten kann, braucht nicht so geldfixiert zu denken. Geld spielt nicht mehr so eine dominierende Rolle, weil andere wesentliche Qualitäten vorhanden sind, wie Vertrauen, Wahrhaftigkeit, Sinnhaftigkeit, Freude am Wirken, Entfaltung der eigenen Persönlichkeit. Weil Geld nicht mehr die einzige Motivation ist, können solche Unternehmen wirtschaftlich günstiger agieren.

Ich glaube, dass es heutzutage möglich ist, wirtschaftliche Unternehmen als Wertegemeinschaft mit spirituellem Hintergrund zu führen. Es ist nicht einfach und sicherlich nicht in jedem Bereich umsetzbar. Gerade in Bereichen, wo es normal ist, stark gegen das Große Ganze zu arbeiten, wird es schwer oder unmöglich sein. Bereiche also, wo starke Ausbeutung von Menschen und Umwelt die Regel sind und die einzige Chance, im starken Konkurenzdruck zu überleben.

Es wird aber auch heutzutage genügend Nischen geben, wo man das Experiment zutiefst sinnvoller und befriedigender Arbeit wagen kann, die im Einklang mit persönlicher Entwicklung steht.


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